An der innerdeutschen Grenze

Dies ist eine von 24 Aufnahmen aus dem Nachlass der Familie des ehemaligen Schulrats Gerber, Lüchow, die über Friedrich Bohlmann ins Wendlandarchiv gekommen sind.

Wenn auch der genaue Standort der Aufnahmeserie(n) noch nicht geklärt ist, passen die folgenden Berichterstattungen aus der EJZ inhaltlich genau zu den meisten Motiven:

7. August 1962

Zone baut den Grenzzaun weiter
Offiziere mit Panzern passen auf, dass keiner von der Arbeit flieht

Bockleben. Der im vergangenen Herbst beim Bezirk Gartow bis südlich Bockleben (Lemgow) gebaute und mit Minen gesicherte Doppelzaun der Zone wird jetzt in Richtung Volzendorf verlängert. Pioniere der Zonen-Armee führen die Arbeit aus. Offiziere sind mit Schützenpanzern zur Stelle, um Fluchtversuche über die Grenze nach Westen zu verhindern. Die Mauer in Berlin hat dort einen unkontrollierten Grenzübertritt fast unmöglich gemacht. Die Zonenbehörden erwarteten, daß sich infolgedessen die Menschen, die aus Ulbrichts Machtbereich fliehen wollen, zur Zonengrenze begeben würden, um es dort zu versuchen. Um auch dies zu verhindern, ordneten die Zonenmachthaber im Herbst den Bau des Doppelzaunes entlang der Zonengrenze an.

Schwierigkeiten in der Materialbeschaffung führten dazu, daß zunächst nur die Stellen der Zonengrenze verdrahtet wurden, die sich gut zum Grenzübertritt eignen, wie etwa die Straße Arendsee—Schmarsau und die B 71 (Salzwedel—Uelzen) bei Bergen/D. Die dazwischenliegende, bisher unverdrahtete Lücke wird jetzt geschlossen. Die Ergänzung der Drahtsperren geht diesmal mit weniger Aufwand vor sich als im vergangenen Jahr. Schützenpanzerwagen transportieren morgens die zur Arbeit abkommandierten Soldaten zur Baustelle, andere folgen in Lastwagen. Und zuvor haben sich Offiziere der Grenztruppen der Zone in direkter Nähe der Zonengrenze postiert, um die Arbeit zu überwachen und Fluchtversuche unmöglich zu machen. Den Bewachten wird allerdings erzählt, diese Bewachung soll „westdeutsche Provokation“ verhindern.

Kurz vor der ersten Pfahlreihe ist ein rotes Band gespannt, das die Arbeitenden nicht überschreiten dürfen, wenn sie nicht von ihren eigenen Wächtern erschossen werden wollen. Im vorigen Herbst hatte man mit zwei Traktoren die Löcher für die Pfähle hergestellt, jetzt schafft man es mit einem. Auch sonst sind die für den Drahtzaun Verantwortlichen allmählich Grenzzaun - Spezialisten geworden und haben Erfahrungen gesammelt. Die Verdrahtung der Pfähle erfolgt im Gegensatz zu früher jetzt unmittelbar nach dem Einsetzen durch das gleiche Arbeitskommando. Die Pfähle werden nicht mehr senkrecht, sondern schräg nach außen geneigt eingesetzt, vielleicht, um ein Besteigen zu erschweren. Der Zwischenraum der beiden Zaunreihen, die mit je neun Reihen Stacheldraht waagerecht und mit einer Drahtreihe diagonal versehen sind, wird sofort mit einem Stacheldrahtgewirr ausgefüllt. Wahrscheinlich soll diese „Füllung“ den Einbau von Minen ersetzen, die man vielleicht zur Zeit nicht ausreichend hat. Vielleicht ist das Verminen auch zu teuer, zu riskant für die eigenen Arbeitskräfte, vielleicht haben die Minenfelder auch nicht den erwarteten Erfolg gehabt.



26. August 1963

Der Doppelzaun im Stubbenfeld
Mehr Aufpasser als Arbeiter • Wald mußte dem Zaun weichen

Lüchow. Mehr als hundert blaue Soldaten der „Nationalen Volksarmee“ sind zur Zeit dabei, in der Zone den Doppelzaun südlich unserer Ortschaften Dangenstorf und Rebenstorf, jenseits des Landgrabens im Gelände des Bürgerholzes zu bauen. Ebenso viele liegen aber zwischen den arbeitenden, mit blauen Arbeitsanzügen gekleideten Pionieren der „NVA" und der Demarkationslinie, um jeden Fluchtversuch zu unterbinden.

Am Freitagvormittag bot sich folgendes Bild: Auf den Wiesen diesseits der Landgrabenniederung sammeln Frauen und Kinder bis in unmittelbarer Nähe der Demarkationslinie Champignons, die es in diesem Jahr dort reichlich gibt. Beamte des Zollgrenzdienstes machen ihren Streifendienst am Land- oder Grenzgraben und beobachten die Arbeiten auf der „anderen Seite“. Noch im Herbst vergangenen Jahres begann gleich hinter dem Grenzgraben das Bürgerholz. Lediglich ein vor Jahren von der „Volkspolizei“ aufgebauter Stacheldrahtzaun und der stark verkrautete Todesstreifen zeigten an, daß dort die „Deutsche Demokratische Republik“ beginnt.

Im Gegensatz zu der ausgesprochen friedlichen Szene diesseits des Grenzgrabens wimmelt es auf der anderen Seite von schwerbewaffneten ostzonalen Grenzbewachern. Der Untergrund des Bürgerholzes ist moorig-feucht. Im Winter wurde von der Dangenstorfer Schleuse bis zur Waldecke im Bereich südöstlich Lübbow ein Waldstück von etwa hundert bis hundertfünfzig Meter abgeholzt. Das Stammholz wurde nach und nach abgefahren. Die Stubben wurden anschließend gesprengt, wobei nicht selten die Holzbrocken auf die Wiesen und Weiden diesseits des Grenzgrabens flogen. Das Buschholz wurde angesteckt. Das Feuer drang in den moorigen Untergrund und schwelt nun bereits den ganzen Sommer über.

Etwa fünfzig Meter hinter dem Grenzgraben ist parallel zur Zonengrenze eine rot-weiße Schnur gezogen worden, die den Arbeitenden sowie den bewachenden Soldaten anzeigt, daß sie sich nur bis zu dieser Linie vor der „Staatsgrenze West“ bewegen dürfen. Diese Schnur zu überschreiten, bedeutet ein Spiel mit dem Leben! Gleich dahinter hocken oder liegen Doppelposten, ihre Maschinenpistolen feuerbereit, und beobachten ihre arbeitenden „Kameraden“. In dem Gelände, das mit hunderten von meterhohen Stubben übersät ist, stehen die meisten Aufpasser auf diesen Stubben. In Abständen von rund fünfzig Metern — oft haben sie auch Hunde in der Absperrkette — beobachten sich auch die Bewacher noch gegenseitig.

Fertig ist der Doppelzaun bis etwa südlich Rebenstorf. Bis zur Waldecke südlich Lübbow werden jetzt die Betonpfähle gesetzt. Ein Traktor fährt den Arbeitern voran und bohrt die Löcher in die Erde. Ständig holen Lastkraftwagen die Betonpfähle von den zahlreichen Stapeln an der Straße zwischen Lübbow und Hoyersburg. Oft werden dann noch Pferde eingesetzt, die die Betonpfähle bis zu den Löchern schleifen. Das Gros der arbeitenden Pioniere ist damit beschäftigt, den Draht zu spannen. In der Mitte zwischen den beiden Zäunen werden weitere Drahtrollen auseinandergezogen. Es ist daher anzunehmen, daß in diesem Bereich keine Minen in den Doppelzaun verlegt werden.
Unbekannter Ort
Herkunft:    Gerber
Quelle:  Torsten  Schoepe
Nutzungsrechte: Zur Klärung etwaiger Urheberrechte wenden Sie sich bitte an Torsten Schoepe, Plater Weg 4, 29439 Lüchow, e-mail torsten@schoepe.de. Wenn als Autor Torsten Schoepe angegeben ist, unterliegt die Abbildung besonderen Nutzungsrechten.
Innerdeutsche Grenze
Archiv-ID: 52592
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