Die Bebauung der Insel (vor 1890)

"Es ist wieder so ein besonderer Tag für einen Sammler historischer Aufnahmen. Im Keller von Otto Kiehn liegt dieses völlig verblichene Foto auf einem Stapel Bilder. Es ist wirklich kaum noch etwas zu erkennen. Mit den Möglichkeiten der digitalen Bildbearbeitung lässt sich aber auch daraus wieder ein akzeptables Foto herstellen. Der erste Blick lässt unzweifelhaft auf der linken Seite "Fröhling´s Marie" erkennen. Gegenüber steht aber nicht das von vielen Fotos bekannte Lücking´sche Haus, sondern der Vorgängerbau. Die Aufnahme stammt von dem Lüchower Photographen und Maler Wilhelm Röbcke (Firmenstempel auf der Rückseite). Es wird weit vor 1900 aufgenommen worden sein und ist die erste Abbildung dieses Hauses hier im Wendland-Archiv." (Torsten Schoepe)

In der Zeitung "Allgemeiner Anzeiger" vom 12.12.1942 findet sich in der Kolumne "Vor 50 Jahren" folgender Hinweis auf das Gebäude:

..."Mit seinem Nachbar Kaufmann Rhaesa, dessen Vater Johann Karl im Jahre 1789 aus Wippra (Mansfelder Seekreis) nach Lüchow gekommen war und hier vom Kaufmann Mönnich dessen Geschäft und Haus auf der „Insel" erworben hatte, hielt Heinrich Pardey gute Nachbarschaft...

...Mit seiner Kolonial- und Materialwarenhandlung hatte Rhaesa eine Weinhandlung verbunden, die gut florierte. Nach seinem Tode ging das Haus auf den Kaufmann Mansfeld über, der darin eine Produkten-Handlung betrieb, während seine Frau ein Damen-Konfektions-, Posamentier- und Putzgeschäft mit Schneiderinnenwerkstatt führte. Das Geschäft war in den 1860er und 1870er Jahren das einzige dieser Art und wurde von den Frauen Lüchows lebhaft in Anspruch genommen.

Mit dem freiwilligen Tode von Mansfeld ging das Geschäft ein, das Haus erwarb die Firma L. Manecke, Bankgeschäft und Getreidehandlung, brach das Haus ab und führte einen Neubau aus, wie er noch heute dasteht und sich im Besitz der Lücking'schen Erben befindet..."

Die Geschäftseröffnung durch H. Mansfeld ist durch eine Annonce im "Allgemeiner Anzeiger" vom 21.06.1862 belegt:
"Vielfachen Anfragen entgegen zu kommen, sehe ich mich schon heute zu der Anzeige veranlaßt, daß ich am 1. Juli das von mir gekaufte, vorher den Herren Rhaesa gehörende Haus beziehe. Das darin bisher betriebene Speditions- und Verladungsgeschäft werde gegen möglichst ermäßigte Preise sorgfältigst fortsetzen, versichere überhaupt den mich Beehrenden eine zuverlässige und prompte Bedienung.

Lüchow, im Juni 1862.
H. Mansfeld"

Das Sterbedatum von Hermann Mansfeld erscheint in einer kleinen Annonce am 28.08.1880 im "Allgemeiner Anzeiger":
"Sterbefalls wegen bleibt mein Geschäft von heute bis Freitag, 3. September Abends, geschlossen.
Bertha Mansfeld Wwe."

Die letzte Annonce des Geschäftes von Bertha Mansfeld erscheint im Oktober 1885

1890 wird das Haus abgerissen: (Allgemeiner Anzeiger vom 26.3.1890)
"Lüchow, den 25. März 1890. — Von dem von der Stadt behufss Erbreiterung der Brücken erkauften Mansfeld'schen Grundstück mit den darauf stehenden Gebäuden ist in einem gestern zu diesem Zwecke angesetzten öffentlichen Termine das Vorderhaus zum Preise von 500 M(ark) an den Maschinenfabrikanten Poppe behufs Abbruchs bis zum 1. Mai verkauft worden."

Dieser Text lässt die Schilderung in der oben zitierten Kolume aus 1942 - zumindest den Umstand, wer den Abbruch des Hauses durchgeführt hat - hinterfragen.

Für die Expedition der "Zeitung für das Wendland" ist die Adresse dieses Hauses, Lange Straße Nr. 8, in den ersten Jahren des Erscheinens (seit 1855) angegeben.
Lüchow
Lange Straße - (Jeetzelinsel - bis 1960)
Datum: um 1860 - 1870
Zeitraum: 1800 - 1899
Autor/-in:  Wilhelm  Röbcke
Quelle:  Otto  Kiehn
Nutzungsrechte: Ist Otto Kiehn als Bildautor angegeben, ist eine anderweitige Veröffentlichung oder gewerbliche Nutzung der Abbildung nur mit vorheriger Genehmigung durch ihn gestattet. Bitte wenden Sie sich für Anfragen an eine der unter 'Kontakt' genannten Adressen.
Archiv-ID: 49382
Kommentare
Paul-Albert Voigt 04.10.2021
Gratuliere zu diesem raren Fund! In der Tat "weit vor 1900". Also vielleicht aus der Zeit um 1860.
Torsten Schoepe 05.10.2021
Hallo Herr Voigt, vermutlich stimmt die Zeitangabe um 1860. Rechts außen steht evtl. der Müller der rechts anschließenden Mühle. Die weiße Bekleidung ist auffällig und würde dazu passen.
Wolfgang von der Heyde 05.10.2021
Ein Superfund! Glückwunsch! Für mich sieht es so aus, als wenn neben der rechten Hausecke von "FröhlingsMarie" ein Holzmast steht - oben ein weißer Knopf (Isolator?) und drei Häuser weiter ist wieder so ein Ding. In dem Rauschen natürlich schlecht zu erkennen. Kann man Aussagen zu der Leuchte machen, die gleich vorn am Pott'schen Hause hängt? MfG
Paul-Albert Voigt 05.10.2021
Die ersten Photographen (zur Zeit meiner Ausbildung gab es auch noch die Berufsbezeichnung "Lichtbildner"!) waren tatsächlich ursprünglich Kunstmaler, was man an den oft sehr sorgfältig durchkomponierten Genrebildern sehen kann. Beispiel: August Kotzsch 1846-1910, Photograph aus Loschwitz bei Dresden. Das hier gezeigte Bild ist natürlich eine andere Kategorie.
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