Vor der Zeit der Fotografie

Der Text liegt, aus einer Zeitung ausgeschnitten, so im Album von Dr. Greiner (Das  Datum der Zeitungsausgabe ist unbekannt.)

Als sich die Stadt in die Notwendigkeit versetzt sah, ein Armenhaus einzurichten, trat die St. Georgs-Stiftung, richtiger die St. Jürgen-Stiftung, die eine Stiftung derer v. Bülow zu Jasebeck ist, ihr Hospital (den jetzigen St. Georg) an die Stadt ab und kaufte zur Unterbringung ihrer Hospitalistinnen das jetzige Magistratsgebäude mit dem sogenannten "Kloster". Dieses Haus war ehemals ein altes Kaufhaus und gehörte dem Kaufmann Hornbostel, dessen einzige Tochter sich mit dem Bäckermeister Samuel Müller verheiratete. Die St. Georgs-Stiftung vermietete den nach dem Marktplatz gelegenen Teil des Hauses an die Kgl. hannoversche Postverwaltung, deren Vorsteher Postverwalter Lohmann, später Postverwalter Wedemeyer, in der oberen Etage als Wohnung inne hatten. Vordem befand sich die Post in dem Kunze´schen Hause (jetzt Landkrankenkasse); Kunze war Postverwalter, er setzte seinem Leben durch Erschießen ein Ziel. Erst mit Einführung des Standesamtes mietete die Stadtverwaltung für ihre Büroräume und Bürgermeister (Hermann) das Haus. Die Post zog nach der Mauerstraße in das jetzt dem Kommandanten Warnecke gehörige Haus.

Wie schon erwähnt, gehörte zur Ratskellerwirtschaft auch die Bewirtschaftung des Schützenhauses. Nach dem Fortzug des Ratskellerpächters Georg Schulz (er verzog nach Hannover und gründete eine Weinhandlung, die noch heute unter dem Namen Ahlers und Sohn besteht) heiratete seine Schwägerin "Mamsell Lange" den Kaufmann Krüger (aus dem später Flentje´schen Hause in der Bergstraße), und als dieser eines plötzlichen, nicht freiwilligen Todes starb, überließ die Stadt der Frau Krüger den Schützenplatz allein, sie war als "Tante Lotte" allgemein bekannt. Als sie das zeitliche segnete und die Todesnachricht, wie es damals allgemein üblich war und zuweilen auch heute noch geschieht, in jedem Haus "angesagt" wurde, meldete dies der Lohndiener Kämpfer mit einer tiefen Verbeugung und kurz und bündig mit den beiden Worten "Tante Lotte".

"Keller-Schulz" bewahrte eine große Anhänglichkeit an seine Vaterstadt Lüchow. Besuchte ihn in Hannover ein Lüchower, so zeigte er ihm mit besonderer Freude sein Schlafzimmer, das er sein "Lüchower Zimmer" nannte, weil dessen Wände mit Bildern aus Lüchow bemalt waren. Das Zimmer ist heute noch vorhanden und wird von seinem Sohn, dem Inhaber der Firma Ahlers und Sohn, sorgfältig erhalten. Die Gemälde sind angefertigt von dem Maler und Photograph Wilhelm Röbcke aus Lüchow. Röbcke war von 1846 bis 1848 in Warasdin in Kroatien selbständig ansässig, musste 1848 von dort bei Ausbruch der Revolution fliehen und siedelte nach Lüchow über; er war ein Jugendfreund von Keller-Schulz, der ihn dann beauftragte, sein Zimmer mit Bildern aus Lüchow zu bemalen. Und diese Aufgabe hat Röbcke, der hier als tüchtiger und befähigter Maler bekannt war, vortrefflich gelöst.

Die eine Wand des Zimmers zeigt uns einen Blick auf die Mühlenjeetzel mit dem Mansfeld´schen (jetzt Lücking´schen) Hause und dem gegenüberliegenden Röffler´schen Hause (jetzt Frühling´schen), dem ältesten Hause Lüchows. Vor dem Buchbinder Sander´schen Hause (jetzt "Hammonia") sehen wir 2 Damen, die damals in der Lüchower Gesellschaft tonangebend waren: Frau Leutnant Ludwig, die Mutter des Notars Dr. Ludwig, mit ihrer Tochter Frau Theodore Neubauer im Gespräch, beide im Reifrock. Auf der Brücke steht Kaufmann Mansfeld.

Das zweite Bild stellt die Drawehner Mühle mit ihren drei großen Wasserrädern und die Nordseite der schmalen Drawehnerbrücke dar, die im Jahr 1909 durch Wegnahme der Seitenmauern verbreitert wurde.

Der Marktplatz mit Ratskeller, sowie die Burgstraße mit dem Amtsturm schmückt eine ganze Zimmerwand. Die Burgstraße herauf kommt die mit 4 Pferden bespannte gelbe Postkutsche gefahren und vor dem Färber Huth´schen Hause stehen auf dem Bürgersteige die sogenannten Bürgerpfähle (die übrigens auf dem ersten Bilde auch vor dem Kaufmann Sandhagen´schen Hause stehen).

Das dritte Bild zeigt uns die Kirchstraße mit dem Kirchturm und den beiden Eckhäusern: Kaufmann Becker (genannt "Eck-Becker"), das damals noch kein Schaufenster hatte, und gegenüber das Kaufmann Schultz´sche Haus mit dem charakteristischen kleinen herausgebauten Schaufenster links von der Haustür. In der letzteren steht Senator Schultz, eine große, vornehme Erscheinung, und zündet sich eine Zigarre an, während an der Ecke sich Dr. Schramm, ein damals in Lüchow sehr beliebter Arzt, anscheinend mit seiner Patientin unterhält. Die Kirchstraße herauf reitet der Tierarzt Jordan in seinem langen Schoßrock und mit seiner dicken Reitpeitsche in der Hand, neben ihm sein schwarzer Pudel, ohne den er keine seiner weiten Reittouren aufs Land macht.

Das vierte Bild gibt uns einen Blick auf die Lange Straße vom Bäcker Grote´schen Haus aus; quer unter dem Fenster dieses Hauses befindet sich ein breiter Streifen in den Farben "Schwarz, Rot, Gold", den der Maler Röbcke 1848 während einer Nacht anbrachte, aber schon in der nächsten Nacht auf Geheiß des Magistrats wieder entfernen mußte. Außer dem großen farbigen Lüchower Wappen hat das Zimmer noch ein Bild mit der Gesamtansicht von Lüchow. Auf den Bildern sehen wir übrigens auch 2 bekannte Lüchower typische Persönlichkeiten aus damaliger Zeit: Böttcher Blank und Messerschmied Friese. Sie waren die lebendige Zeitung von Lüchow.
Lüchow
Quelle:    Stadtarchiv Lüchow
Zeitungsartikel
Archiv-ID: 16259
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