Lüchow - Die 150-jährige Jubelfeier der Schützengilde im Jahr 1902

Am 1. Juni 1902 feierte die Schützengilde zu Lüchow ihre Jubiläumsfeier zum 150-jährigen Bestehen mit einem großen historischen Festzug, bestehend aus 18 Abschnitten.

Eine Anzeige in der Zeitung für das Wendland vom 31. Mai erläutert das Festprogramm.

Sonnabend, den 31. Mai 1902

Abends 8 Uhr, Großer Zapfenstreich

Sonntag, den 1. Juni 1902

Morgens 6 Uhr: Reveille1
Vormittags 8-9 Uhr: Empfang der fremden Gäste auf dem Bahnhof und an den Thoren der Stadt.
Vormittags 11 Uhr: Antreten der Vereine auf dem Marktplatz, Abmarsch nach dem Bahnhof zur Aufstellung des Festzuges.

Großer historischer Festzug (durch die Stadt nach dem Schützenplatze)

  • 1. Herold mit Lüchower Stadtwappen zu Pferde
  • 2. Vier Fanfarenbläser im altdeutschen Kostüm zu Pferde
  • 3. Entstehung der Lüchower Schützengilde
  • 4. Heinrich der Löwe mit Kriegern
  • 5. Blumenwagen, begleitet von Gärtnern und Gärtnerinnen
  • 6. Wendefürst zu Pferde nebst 6 Kriegern
  • 7. Graf von Lüchow, begleitet von 4 Damen und 4 Herren zu Pferde nebst 6 Kriegern
  • 8. Festwagen mit der Burg von Lüchow, gezogen von vier Pferden, begleitet von 6 Armbrustschützen
  • 9. Gruppe der Landsknechte: 1 Fähnrich, 1 Trommler mit Landsknechttrommel, 1 Feldwebel, 1 Provoß, 6 Landsknechte mit Schwertern
  • 10. Gruppe aus dem 30jährigen Kriege (10 Personen)
  • 11. Hannoversche Kriegsgruppe aus der Schlacht von Waterloo
  • 12. Festwagen mit Enblemen der Fischerei und Schifffahrt
  • 13. Festwagen mit Gambrinius, begleitet von Brauknechten
  • 14. Germaniawagen, gezogen von 4 Pferden
  • 15. Großer altmodischer wendischer Brautzug
  • 16. Festwagen der Feuerwehr in großartiger Ausstattung
  • 17. Festwagen der Turner, voraus ein Herold zu Pferde
  • 18. Radfahrverein, Blumenkorso
Es folgt die Beschreibung des Festzuges in der "Zeitung für das Wendland" vom 3. Juni 1902 unter Verwendung der hier im Archiv verfügbaren Abbildungen, die seinerzeit alle von dem Fotografen R. Steinbacher (Salzwedel/Lüchow) angefertigt wurden. Das Datum der Originalausgabe der Zeitung lautet fälschlicherweise auf den 3. Mai. Der Setzer hat vermutlich die Ziffer 1 der vorherigen Ausgabe vom 31. Mai entfernt, aber übersehen, den Monat anzupassen.

"Nachdem der Festzug in allen Theilen geordnet war, setzte sich derselbe bald nach 12 Uhr in Bewegung. Wir wollen diesen Theil des Festes, den Glanzpunkt der Jubelfeier in allen Einzelheiten schildern.
Dem Zug voran ritt ein Herold zu Pferde, mit dem Lüchower Stadtwappen auf der Brust. Ihm folgten 4 Fanfarenbläser gleichfalls zu Pferde und in altdeutschem Kostüm; diese Gruppe bildete die Eröffnung des Zuges. Der nächste Theil stellte die Entwicklung der Uniformen unserer Schützengilde dar. Man fand hier die alten Uniformen, wie sie noch bis vor einigen Jahren durch die Herren Schleese und Klank sen. vertreten wurden, wieder. Hierauf folgte ein Musikchor. 
Die nun folgende Gruppe stellte Heinrich den Löwen mit Kriegern dar, welche aufgrund ihrer prächtigen Rüstungen einen fesselnden Anblick bot. Hiernach waren die Schützenvereine Arendsee und Bergen a. D. eingereiht, beide durch starke Mitgliederzahl vertreten.
Hieran reihte sich der Blumenwagen des Zuges. Durch Guirlanden und Stangen war auf demselben ein sehr hübsches Arrangement geschaffen. In der Mitte des Wagen war ein runder, reich mit Blumen geschmückter Korb aufgestellt, in dem ein junges Mädchen Platz genommen hatte, welches in seinem Engelskostüm einen reizenden Eindruck machte. Begleitet wurde der Wagen von Gärtnern und Gärtnerinnen in kleidsamen Trachten. Hieran schlossen sich die Vereine Gartow, Dannenberg und Trabuhn, und dann ein Musikchor.
Nun folgte ein Wendefürst zu Pferde mit 6 Kriegern im Gefolge, gleichfalls wieder durch die naturgetreuen, sauberen Kostüme hervortretend.
Anschließend an diese Gruppe folgte nun als zweiter Festwagen die Burg zu Lüchow in ihrer ehemaligen Gestalt. Neben dieser schritten 6 Armbrustschützen her.
Der Schützenverein Göttien und sodann eine Gruppe von Landsknechten, bestehend aus einem Fähnrich, Trommler, Feldwebel, Provoß und 6 Landsknechten bildeten die Fortsetzung des immer imposanter werdenden Festzuges. Nach einem Musikchor kamen nun die Schützenvereine Hitzacker und Lübbow, worauf eine Gruppe aus dem 30-jährigen Kriege die bunte Reihe fortsetzte. Hierauf folgte wieder ein Musikchor und diesem die Vereine Ranzau und Seerau i. L.
Ihnen schloß sich wieder ein Festwagen und zwar der Fischerwagen, an. In dem auf diesem Wagen stehenden Fischerkahn sah man Fischer und Fischerinnen in malerischer Tracht, desgleichen weitere Personen in selbiger Tracht den Wagen seitwärts begleiten.
War durch die bisherigen Gruppen das Mittelalter vertreten, so bildete die Waterloogruppe den Übergang zur neuen Zeit. Unter Vormarsch der Ulanenkapelle aus Salzwedel wurde unter den Klängen des Waterloomarsches von den Mitgliedern dieser Gruppe ein strammer Parademarsch durchgeführt, welcher die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog und den Betheiligten allgemeine Anerkennung brachte. Im weiteren Verlaufe erschienen nun die Vereine aus Reetze, Salzwedel, Satemin und eine Fahnendeputation aus Tangermünde.
Einen imposanten Anblick gewährte der nächste Festwagen. Vor einem mächtigen mit reichem Grün geschmückten Faß saß in körperlicher Fülle Gambrinus, der König des edlen Gerstensaftes, in bekanntem malerischen Kostüm. Zur Seite des Wagens schritten Brauknechte in dem dieser Zunft eigenthümlichen Tracht.
Die Schützenvereine Vasenthien, Witzeetze i. Dr. und sodann der Germania-Wagen bildeten die Fortsetzung des Festzuges. Dieser Festwagen wurde allgemein als einer der schönsten anerkannt. Auf hohen Stufen stand auf dem prachtvoll dekorierten Wagen die schmucke Germania; ihr zur linken, etwas tiefer saß eine beharnischte Kriegerin mit Speer und Schild. Beide Personen machten einen ganz besonders guten Eindruck.
Ein Stück heimatlicher Geschichte wurde in dem wendischen Brautzug verkörpert. Hier erfreute sich manches Auge an den alten, längst verschwundenen Trachten unserer Altvorderen. Die reich mit Bändern und golddurchwirkten Stickereien geschmückte Braut, der mit dem ehrwürdigen Trauanzug ausgestattete Bräutigam, die Begleiterinnen, die Begleiter, alles machte einen fesselnden Eindruck.
Vereine aus Winsen, Weitsche und hierauf der Festwagen der Feuerwehr erschien im weiteren Verlaufe des Festzuges. Hatten alle früheren Festwagen durch kunstvolle Dekoration imponirt, so trat dieser durch seine ungeheure Größe hervor. Ein mächtiges Haus aus dem Rauchwolken hervorstiegen, veranschaulichte mit den darauf stehenden Feuerwehrleuten die Thätigkeiten dieser Wehr.
Ein wahres Kunstwerk in der Dekoration stellte der Turnerwagen dar. Derselbe fand den Beifall und das Lob aller Zuschauer. In reichem Laubschmuck sah man zwischen den frischen Turnergestalten und den herrlichen Postamenten die lebensgroße Jahnbüste. Wahrlich, ein Anblick, der jedem, der sich zur Fahne mit dem Frisch, Fromm, Froh, Frei hält, ein unvergeßlicher gewesen sein wird. Die Dekoration wurde ausgeführt von dem Dekorateur Chr. Jaath, Hamburg.
Szene von der Aufstellung (Fotograf unbekannt). Laut Festprogramm steht links die Gruppe "Herold zu Pferde".
Nach den Vereinen aus Waddeweitz, Walsrode und Hannover folgte der Radfahrverein, welcher einen Blumenkorso aufführte. Das Banner des Vereins wurde auf einem prächtig dekorirten Dreirade gefahren. Die schön geschmückten Räder der Damen und ferner der von vier Herren gefahrene Baldachin brachten den Mitgliedern des Vereins allgemeine Anerkennung.
Hierauf bildeten die Mitglieder der hiesigen Schützengilde den Schluß dieses großartigen Festzuges."

(Der diesjährige König W. Fröhling führt die Schützengilde an.)
Aus den Motiven von R. Steinbacher wurde auch diese Mehrbildkarte produziert.
Am nächsten Morgen, die Schatten verlaufen entsprechend, machte Carl Gerlach dieses Foto. 1907 verschickte er es als selbst produzierte Fotokarte an seinen Sohn Otto, der bei dem befreundeten Uhrmacher Bürgy im Elsass seine Ausbildung macht.

Die Spur der Hinterlassenschaft der Pferde bestätigt, dass der eigentliche Festumzug 1902 nicht durch die Kirchstraße verlief.

Carl Gerlach nutzte seine fotografischen Fähigkeiten, in den Tagen um die Jubiläumsfeier herum, zu ein paar weiteren Aufnahmen, die alle als Original-Glasplattennegativ erhalten blieben. Die nächsten 6 Motive stammen von ihm.
Blick auf die Lange Straße / Ecke Kirchstraße aus dem Eckfenster des Hauses Lange Straße 65. Die Vorbereitungen laufen noch. An einem der geschmückten Pfähle lehnt eine lange Leiter.
Der Marktplatz mit den festlich geschmückten Fassaden. Der Junge am Brunnen, Hund und Esel dürfen neben dem Fotografen als Frühaufsteher gelten, was sich auch hier an den Schatten ablesen lässt. Anfang Juni dürfte es kaum später als 6 Uhr gewesen sein.
Aufwändig geschmücktes Haus am Marktplatz, Lange Straße 55
Blick aus dem Wohnzimmer des Geschäftshauses von Carl Gerlach, Lange Straße 65.
In der "Geschichte der Schützengilde zu Lüchow" aus dem Jahr 1952 steht zu diesem dort veröffentlichten Foto.

"Blick auf den Festzug der Jubelfeier 1902.
Der Zug schwenkt in die Kirchstraße ein. In der ersten Reihe: Schützenkönig Carl Krebs (Schützenkönig des Jahres 1901). Im Vordergrund links die Gebäude der ehemaligen Brauerei und Brennerei Ernst Schultz (heute Kreishaus und Kreissparkasse)"

Abgebildet ist hier allerdings noch nicht der Festzug, sondern eine kleine Gruppe, eventuell auf dem Weg zum Startpunkt des Umzuges oder sogar an einem vorherigen Tag. Carl Gerlach hat die Kamera für mehrere Belichtungen stehen gelassen und später am selben Standort ein Motiv in anderer Marschrichtung dokumentiert. Der eigentliche Festzug ist nicht durch die Kirchstraße gezogen, sondern führte komplett durch die Lange Straße von Osten über die Jeetzelinsel nach Westen, wie die Fotos von R. Steinbacher vom Standort Marktplatz aus deutlich zeigen.

Der Schützenkönig dieses Jahres (1902) ist Wilhelm Fröhling, Gastwirt von "Fröhlings Marie" auf der Jeetzelinsel.
Eine kleinere Abteilung von Schützen biegt, aus der Langen Straße kommend, in die Kirchstraße ein.
Teilnehmer eines Umzuges bewegen sich durch die Kirchstraße und biegen in die Lange Straße in Richtung Marktplatz ein. Wie bereits oben beschrieben, kann diese Aufnahme nicht beim großen Festumzug entstanden sein, da er sich dabei nicht durch die Kirchstraße bewegte.
1. Reveille ist der Weckruf beim Militär ↩
Archiv-ID: 4329914
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